Projetwoche – Brüderliches Wirtschaften von Anne Detjen | 25.08.2019

Reportage über meine Projektwoche

Es ist Montag, der erste Schultag nach den Sommerferien. Der große Saal, der eigentlich für Eurythmie und darstellendes Spiel genutzt wird, sieht schon ziemlich Menschen gefüllt aus als ich um 9:40 Uhr den Raum betrete. Größtenteils sind es Schüler und Lehrer die ich seit fünf Monaten nicht mehr gesehen habe, da ich für diese Zeit im Praktikum war. Der Raum füllt sich und ich nehme den immer höher steigenden Geräuschpegel deutlich wahr. Trotzdem fühlt sich alles sehr familiär und nett an.
Ich schaue auf meine Handyuhr und es ist 9:48 Uhr. Frau Nagelsmann geht jetzt durch die Reihen und schlägt zur Entspannung immer wieder einen Gong an und erzählt etwas dabei – was sie erzählt kann ich nicht wiedergeben, da ich mit meinen Gedanken bei der letzten Projektwoche vor einem Jahr bin und mich Frage, ob es möglich ist, dass die Zeit noch schneller verfliegt als sie es eh schon tut.
Als ich mich wieder dem Geschehen im Saal widme, steht Frau Kiel vorne und stellt ihr Projekt: „Kundalini Yoga“ vor.
Eine halbe Ewigkeit später stellt sich nun das letzte Projekt: „Brüderliches Wirtschaften“ vor. Dieses Projekt stellen Frau Bonn-Meuser und Frau Walther vor.
Mir ist jetzt schon klar, dass ich in dieses Projekt will, da ich schon letztes Jahr mit diesen beiden Lehrern bei: „Bedingungsloses Grundeinkommen“ war und mir das sehr gut gefallen hat.
Ich kenne den Verlauf der Vorstellungen der Projekte schon vom letzten Jahr und warte daher bis ein Lehrer die Ansage macht, dass jede Klasse einzelnt den Saal verlassen darf, um zu dem Raum seines Wunschprojekts zu gehen.
Ich schaue nach unten auf den mit braunen Fake Parkett ausgelegten Boden und höre nun die Stimme eines Lehrers, dass die erste Klasse, die FOS 1 S/W 19, jetzt den jeweiligen Raum des Wunschprojektes aufsuchen dürfe.
Ich sehe zu, wie sich der Saal leert und schaue in neue Gesichter.
Nach einigen Minute höre ich wie meine Klasse, die FOS 2 S/W 18, aufgerufen wird und gehe mit meinen Mitschülern aus dem Saal.

Ich gehe zielstrebig in den Raum 2.14, meinem früheren Klassenzimmer wo ich nun wieder die nächste Woche verbringen werde. Ich trete in den Raum und vor mir sehe ich einen Stuhlkreis aus ungefähr zwölf Stühlen.
Nach einer kurzen Durchmusterung der Leute die sich für dieses Projekt entschieden haben und schon vor mir die Klasse betreten habe, fällt mein Blick auf einen Tisch an dem wir uns in die Teilnehmerliste eintragen sollen.

Als ich den Stuhlkreis erreiche, sitzen schon einige Schüler auf den Stühlen. Mehrere der Gesichter und Stimmen kenne ich schon aus dem vergangenem Jahr, viele sind mir aber auch noch unbekannt. Ich sehe zu wie sich der Stuhlkreis mit immer mehr Gesichtern füllt und höre Unterhaltungen von Schülern die sich scheinbar schon kennen. Immer wieder schaue ich nach unten auf den grauen Boden, warum ich diese Angewohnheit habe nach unten zu schauen und mich somit abzukapseln, weiß ich nicht.
Als ich wieder in die Runde blicke, sollen wir uns alle erst einmal kurz vorstellen. Am besten wäre Name, Klasse und warum er/sie hier her gekommen ist.
Ein mir noch unbekanntes Mädchen fängt an zu erzählen. Sie ist im ersten Jahr der zweijährigen Fachoberschule, ihren Namen und ihr Alter sagt sie auch noch dazu. Der Raum ist leise und ich merke, dass dem Erzählenden die ganze Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Jetzt haben sich alle vorgestellt und mehrere Leute verschwinden wieder aus dem Stuhlkreis. Es wird wieder lauter und jeder greift sofort nach seinem Rucksack, um die Schule zu verlassen.
Ich sehe auf meine Uhr und es ist 11:15 Uhr. Seitdem ich diese Klasse betreten habe, sind nicht einmal 25 Minuten vergangen.
Ich setze also auch meinen Rucksack auf, verabschiede mich kurz und gehe aus dem Raum.

Es ist Dienstag. Ich betrete die Klasse und schaue in mittlerweile schon bekannte Gesichter. Noch nicht alle Schüler sind da und wieder unterhalten sich mehrere in kleinen Grüppchen oder führen zweier Gespräche. Einige Minuten später sind wir vollzählig und ein mir wohlbekannter Mann steht jetzt vor dem Stuhlkreis.
Er ist vielleicht mitte dreißig, kein Lehrer sondern ein Gast. Der Mann heißt Marian und ist mir noch von der letzten Projektwoche bekannt.
Ich sitze im Stuhlkreis, der jetzt eher einem ovalförmigen Halbkreis ähnelt, ganz links und höre aufmerksam zu. Marian sagt, dass wir uns heute hauptsächlich mit der Fragestellung: „Was ist Arbeit“ beschäftigen. Ich merke, wie ich innerlich meine Gedanken ordne und nach Antworten auf diese Frage suche. Meine Gedanken die zu dieser Fragestellung passen, sind noch begrenzt. Unvermeidlich ploppen zuerst die Begriffe: Intellektualtität, Studium und Geld in mir auf. Ich versuche an sich sehr eine solche “Normhafte“ Denkweise der intellektuellen Oberschicht zu vermeiden.
Aus meinem Anfangsgedanken entwickeln sich jetzt immer mehr Gedanken die mit diesem Thema in Verbindung stehen und ich spüre, dass ich mich in einem inneren Netz befinde, in dem ich auch sonst nicht selten stecke, wenn ich mich mit solchen Fragen auseinandersetze.
Ich suche mir eine rasche selbst ausgedachte Definition heraus und werfe die Begriffe: Geld, Konzentrations- und Zeitaufwand in die Runde.

Marian schreibt jetzt etwas an die Tafel und ich lese die Wörter: Praxis und Theorie. Über Theorie steht noch das Nomen: Denken und neben „Denken“ steht der Begriff: „Intellekt“. Ich frage mich, ob die Leute meine Gedanken lesen können oder wieso sonst ausgerechnet diese Wörter, mit denen ich mich auch privat sehr auseinandersetze, elementare Begriffe dieser Projektwoche sind.
Wieder kreisen mir sehr viele Fragen und Gedanken im Kopf herum, die zwar nicht direkt mit der Fragestellung was Arbeit sei, in Verbindung stehen, für mich jedoch trotzdem relevant sind. Es sind Fragen wie: „Was ist Intellektualität überhaupt und was zeichnet es aus?“, „Wird der Intellekt von der Familie weiter gegeben oder doch eher durch ein Studium?“ und „Sind wir nicht alle etwas rassistisch, wenn wir auf „niedrigere“ Berufe hinunter schauen?“.
Plötzlich muss ich an meinen vor einigen Jahren selbst definierten Begriff des „Pseudointellekts“ denken. Als Pseudointellektuel habe ich Leute definiert, die selbst noch nichts im Leben erfahren haben, jedoch der intellektuellen Schicht angehören, meinen das allein „richtige Denken“ zu haben und auch die „richtige Moral“.
Der Anteil der Schüler, die sich aktiv beteiligen und sich in die Diskussion mit einbringen, ist groß. Ich sehe und höre wie viele der Leute nachdenken und sich ohne Handzeichen zu Wort melden.

Frau Walther meldet sich und fragt, was wir arbeiten würden wenn wir ein bedingungsloses Grundeinkommen hätten. Genau diese Frage kam auch schon in dem Projekt letztes Jahr dran.
Da nicht alle Schüler in dem Projekt des bedingungslosen Grundeinkommens waren, höre ich noch vor irgendeiner Antwort, die Definition hierfür von einem der Schüler.
Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen erhält jeder Bürger/ Bürgerin Deutschlands pro Monat eine gewisse Summe Geld, egal ob er/sie arbeitet oder nicht.
In mir kommt Skepsis hoch, Skepsis weil ich glaube, dass das mit dem bedingungslosen Grundeinkommen eine Utopie ist. Mir ist unklar, wie das alles finanziert werden würde, da der Staat ja dann mehr ausgibt als er einnimmt. Meiner logische Schlussfolgerung wäre, dass der Staat monatlich eine riesen Summe Geld ausgäbe, dann zwar Steuern einnähme aber die Infrastruktur müsste ja auch noch irgendwie aufrecht erhalten werden. Also wäre dann entweder die Frage, wie der Staat monatlich so viel Geld ausgeben könnte oder wie dieser die Infrastruktur aufrecht erhält.
Ich plädiere sehr für ein besseres Sozialsystem. Ich bin sehr für gute Bildung in Schulen, egal aus welcher Bildungsschicht die Eltern stammen, und Inklusion liegt mir sehr am Herzen. Jedoch finde ich das Konzept des Grundeinkommens sehr fragwürdig.

Wenn es jedoch ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe, würde ich wahrscheinlich viel mehr Risiken wagen und meine Träume wie zum Beispiel den Aufbau von einer für mich perfekten Schule versuchen zu verwirklichen.

Ich schaue aus dem geöffneten Fenster hinter mir und spüre eine angenehm frische Brise auf meiner Haut. Mein Blick fällt zu den spielenden Kindern auf dem gegenüberliegenden Spielplatz und ich frage mich, in welcher Welt diese Kinder später wohl einmal aufwachsen werden.

Es ist jetzt etwa 15:20 Uhr und Frau Walther sagt, dass wir uns morgen um 10 Uhr wieder hier träfen.
Ich bleibe noch einige Sekunden sitzen und fange langsam an meine blaue Baumwolljacke in meinen Rucksack zu packen. Die meisten der Schüler sind schon aus der Klasse gegangen als ich wieder aufblicke. Nach einer kurzen Verabschiedung verlasse ich nun auch den Raum.